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12. März 2011

Die läufige Leinwand - Christian Keßler liest.

Ein Hinweis in eigener Sache (da ich die Sache veranstalte): Splatting-Image-Autor Christian Keßler stellt am kommenden Donnerstag, den 17. März im Roderich sein neues Buch "Die läufige Leinwand" vor, das vor kurzem im Martin Schmitz Verlag erschienen ist. Hier gibt es ein ergänzendes Blog zum Buch.

Darin beschäftigt sich Christian Keßler mit dem amerikanischen Hardcorefilm der 70er und frühen 80er Jahre. Das geschieht zum einen auf fast schon enzyklopädisch kundige, zum anderen auf enorm unterhaltsame Weise. Zahlreiche Interviews mit Darstellern, Regisseuren und Produzenten runden das Buch ab. Dass das Pornokino der 70er nicht nur aus ödem Gerammel besteht, sondern ein subversives, albernes, zum besseren oder schlechteren ideenreiches Kino war, kann jeder bestätigen, der Filme wie The Opening of Misty Beethoven, Alice in Wonderland oder Thundercrack! kennt. Man darf sich also auf eine abenteuerliche Reise gefasst machen, zumal Christian zahlreiche (weitgehend pornofreie, aber abenteuerliche) Ausschnitte mit nach Berlin bringen wird!

(So, Promosprech jetzt mal aus: Ich würde mich riesig freuen, Dich - oder auch Dich und Dich - am Donnerstag im Roderich begrüßen zu dürfen, echt!)

10. Januar 2010

Die Versuchung ist zu groß und unsere Armut zu bitter

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Der Besuch der alten Dame - Friedrich Dürrenmatt
Maxim Gorki Theater Berlin in Kooperation mit dem Staatsschauspiel Dresden
Regie: Armin Petras
Bühne: Olaf Altmann
Kostüme: Katja Strohschneider
Musik: Thomas Kürstner, Sebastian Vogel
Video: Niklas Ritter
Dramaturgie: Jens Groß, Ludwig Haugk
mit: Stefko Hanushevsky, Christine Hoppe, Berit Jentzsch, Andreas Leupold, Wolfgang Michalek, Anne Müller, Matthias Reichwald, Gunnar Teuber, Sabine Waibel
Premiere Staatsschauspiel Dresden: 12.12.2009, MGT Berlin: 09.01.2010

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Das von Dürrenmatt 1956 verfasste Stück über die Abgründe sozialer Bande, die sich beim Anblick von genügend Cash in Luft auflösen, versetzt Armin Petras in seiner Inszenierung - ganz im Geiste des 20-jährigen Jubiläums - in die Nachwendezeit. Ein verarmtes Dorf in Ostdeutschland erhält Westbesuch: Clara (Christine Hoppe), eine ehemalige Bewohnerin, die es rechtzeitig herausgeschafft hat und mittlerweile zu einer Multimilliardärin und einem Star geworden ist. Vergessen ist, dass sie vor 30 Jahren als Hure gebrandmarkt das Dorf verlassen hat - die Gemeinde begrüßt sie mit Blumen und Transparenten am Bahnhof. Noch größer ist die Freude, als sie ihren Wunsch verkündet, der Kleinstadt eine Milliarde zu schenken. Entsetzen bricht erst aus, als sie eine Gegenleistung verlangt: ihr vor 30 Jahren gebrochenes Herz soll durch den Mord am Täter, dem ehemaligen Dandy Alfred III (Andreas Leupold) gerächt werden. Sie will sein "Herz zerquetscht" sehen - vorher gibt es auch kein Geld für die Gemeinde.


Foto: MGT Berlin

Die ostdeutsche Gier nach tollen Autos, Coca Cola und Pelzmänteln lässt nicht lange auf ihren Auftritt warten, die Solidarität, auf die man so stolz ist (denn damit hat man die Mauer zu Fall und sich selbst in die Freiheit gebracht), schwindet und Alfred fürchtet bald um sein Leben.

Christine Hoppe als Clara überzeugt vollkommen und lässt alle Seiten der Figur zu Wort kommen: mal ist sie die kaltherzige Milliardärin, die eine grotestke Hatz anzettelt, mal das verletzte Mädchen von früher, das immer noch in Alfred verliebt scheint. Im starken Kontrast zu den hektischen und verängstigt wirkenden Dorfbewohnern scheint sie, aus einer anderen Welt kommend, zwar anwesend, aber unbeteiligt, frei von allen Sorgen außer ihrer Rache, in einer Blase stets allein unter den Kleinstädtern zu wandeln. Nur Alfred, dem sie mit einer Mischung aus Zuneigung und Hass entgegentritt, kommt an sie heran; nur er kennt sie und sieht sie nicht als göttliches Wesen, das Farbe in das triste Ostdorf bringt.


Foto: David Baltzer für das Staatsschauspiel Dresden

Die Kostüme stechen in ästhetische Wunden, indem sie an nicht allzu längst vergangene Zeiten erinnern. Die musikalische Untermalung passt perfekt, die Videoprojektion ergänzt die Bühne um bewegte Bilder, ohne sie unter die Nase zu reiben. Das Bühnenbild erweist sich als recht unpraktisch für die Darsteller und der Trend, einen hinteren Teil der Bühne mit einer einen Kopf zu niedrigen Decke auszustatten, ist mir mittlerweile ohnehin zuwider und scheint allenfalls bei der Hälfte der Stücke, in denen er sich äußert, angebracht.
Alles in allem ein netter Abend, wunderbare Vorlage, sehr gute Inszenierung, obwohl mit einigen Längen ausgestattet.

Die nächsten Termine sind:
Staatsschauspiel Dresden: 14.01., 23.01. 31.01., 13.02. und 25.02. jeweils 19.30 Uhr
Maxim Gorki Theater Berlin: 29.01. 19.30 Uhr, 07.02. 18 Uhr, 23.02. 19.30 Uhr
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Der Besuch der alten dame auf der Seite des
Staatsschauspiels Dresden, auf der Seite des MGT Berlin

26. Oktober 2009

Ein Pfund Langeweile

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Der Kaufmann von Venedig - William Shakespeare
Maxim Gorki Theater Berlin
Regie: Armin Petras
Bühne: Natascha von Steiger
Kostüme: Aino Laberenz
Dramaturgie: Carmen Wolfram
mit: Julischka Eichel, Sarah Franke, Marie-Theres Hölig, Peter Jordan, Julia Karner, Michael Klammer, Cristin König, Ronald Kukulies, Andreas Leupold, Julia-Regina Rappenecker, Sabine Waibel, Regine Zimmermann

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Armin Petras' Inszenierung von Shakespeares Klassiker schleppte sich gestern durch die eigene Premiere.
Eine Überflussgesellschaft mit goldenen Kleidern und Champagnergläsern in der Hand; teure Anzüge und anzügliche Kostüme. Nur Lanzelot (Peter Jordan), ein illegaler Einwanderer, stört das Bild mit seiner einfachen Kleidung und seinem zerzausten Haar. Schon schimpft er drauflos, halb italienisch, halb deutsch udn halb englisch redet er wild vor sich hin - auch, wenn die Bühne schon leer ist und das Publikum dessen, was zu Beginn zum Lachen anregte, schon überdrüssig ist.

Someday you wake up - and life is over.

Hier, in Venedig, inmitten der Schönen und Reichen, der Kern der Geschichte: ein Jude und ein Christ, Gläubiger und Schuldner, im Streit. Beide hassen einander um des Hasses willen, der Christ beleidigt den Juden, der Jude sinnt auf Rache. Die nächste Geldsumme wird bei Überziehung der Leihfrist mit Biomasse bezahlt - ein Pfund Fleisch vom Körper des Christen, der sich selbstsicher auf das fragwürdige Geschäft einlässt.

Laßt uns ein volles Pfund von Eurem Fleisch zur Buße setzen, das ich schneiden dürfe aus welchem Teil von Eurem Leib ich will.

Eine zusätzliche Dimension erhalten die beiden Widersacher durch ihre Besetzung: der Christ ist eine Frau (Cristin König). Der Jude auch (Regine Zimmermann). Ein Feuerwerk, das mehrfach zu hören ist, klingt ein Mal wie Gewehrschüsse - dazu zuckt Regine Zimmermann als würde sie durchlöchert. Eine vage Erinnerung an die Erschießungen im NS-Deutschland?

Willkürlich in die Taschen der Schauspieler gesteckte Mobiltelefone sollen das Geschehen in die jetztzeit übertragen. Demselben Zweck dienen wohl auch die wahllos fetzenzhaft eingespielten italienischen Liebeslieder und die [immerhin an die "Romeo und Julia"-Inszenierung am MGT erinnernde] deutschen Rappassagen. Alles in allem will hier alles nicht so recht passen. Die teilweise (oder auch komplett) transparenten Kostüme der Frauen wirken etwas seltsam deplatziert, die Musik nervt irgenwann einfach. Das Bühnenbild - ein Portal mit der Aufschrift "dolce", das mit Spanplatten verschlossen ist, im vorderen Teil ist venezianisches "Hochwasser", so dass die Schauspieler dort knöcheltief im Nassen waten - versucht etwas, das ihm nicht ansatzweise gelingt. Auch wenn die Aufschrift später durch ein heruntefallendes Transparent in "lindo" geändert wird, wird die Bühne dadurch nicht aussagekräftiger. Ästhetisch ohnehin nicht ansprechend - immehin muss man die Bühne 2,5 Stunden lang ansehen - wird das Ganze durch die knallgrüne Folie zur Abdichtung noch verschlimmert.

Dem Stück scheint die Inszenierung insgesamt nicht gerecht zu werden, vieles geht unter, anderes ist so ausgewalzt, dass die Darsteller selbst sich zu langweilen scheinen. Bemerkenswert ist Julischka Eichel als Jessica, die ganz nebenbei eigentliche Hauptfiguren in den Schatten stellt. Lanzelot ist ein wenig als Possenreißer missbraucht und scheint zum Teil Zeit zu schinden, die jemand anderes zum Umziehen braucht. Alles in allem eine recht unangenehme Inszenierung, die damit allerdings nicht die Stimmung des Stücks vermittelt und auch durch die Leistung der Schauspieler nicht gerettet werden kann.

Die nächsten Termine sind: 17. und 22.11. jeweils 19.30 Uhr.
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Der Kaufmann von Venedig im Volltext auf Projekt Gutenberg
Der Kaufmann von Venedig auf der Seite des MGT

22. September 2009

Aggro Battle in Verona

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Romeo und Julia - nach William Shakespeare
Maxim Gorki Theater Berlin
Regie: Nuran David Calis
Bühne: Irina Schicketanz
Kostüme: Amelie von Bülow
Musik: Vivan Bhatti
Video: Karnik Gregorian
Dramaturgie: Carmen Wolfram
mit: Mike Adler, Anika Baumann, Bastian Bömches von Boor, Picco Von Groote, Johann Jürgens, Luis Lüps, Robert Niemann, Tilman Rose, Max Simonischek, Gunnar Teuber, Leon Ullrich, Jan Marius Walter.

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Eine Geschichte von der Liebe zweier Teenager. Zwei feindliche Gangs in Berlin führen Straßenkrieg um des Krieges willen. Warum die einen die anderen nicht sehen können, weiß längst keiner mehr, die einen sind reich, dekadent und obszön, die anderen arm, einfach und wütend. Shakespeares alter Stoff kommt hier - wie zu oft versucht, aber selten gelungen - im neuen Gewand daher, und es steht ihm gut. Die dichtende Jugend von heute vemiest dem Betreiber des Nightclubs "V.E.R.O.N.A.", Lorenzo (Gunnar Teuber), mit ihren Prügeleien das Geschäft. Er beschließt, zu selektieren: ein Hip Hop-Battle soll entscheiden, welche der beiden Familien demnächst exclusiven und welche überhaupt keinen Zutritt zu seinem Club erhalten soll.

Im Getümmel vor dem großen Abend treffen zwei eigentlich schon verschenkte Herzen aufeinander und können plötzlich nur von Liebe und Küssen rappen. Als Romeo (Max Simonischek) später auch Tybalt gegenüber statt Beleidigungen Sympathieerklärungen um die Ohren haut, muss ein anderer Montague einspringen, um den Kampf mit Worten zu gewinnen und gleichzeitig zu beenden. Jetzt wird richtig gekämpft und jetzt, da Blut fließt, bricht das Chaos aus.



Ein zweites "gemischtes" Liebespaar bestehend aus Julias Freundin und Ammenersatz Mia (Picco Von Groote) und Mercutio (Mike Adler) zeigt, wie es anders laufen kann. Sie treffen sich heimlich und schmieden Pläne, die aus Mias Loyalität zur Family niemals umgesetzt werden. Erst Mercutios Tod durch ebendiese bewirkt eine Meinungsänderung - zu spät um wegzulaufen, zu enttäuscht um zu bleiben. So geht alles den Bach herunter, Lorenzos Appelle an die Vernunft der Teenager bleiben unerhört und der Alptraum jener Rentner, die beim ersten Rapper-Gastauftritt empört den Saal verlassen haben, wird auf der Bühne war: Teenies gone wild. Julia kokst sich mit Lorenzos Vorräten ins Koma (oder zu Tode?), der Rest ist...



Unter Mitwirkung von Schülern der Rütli-Schule, Studenten der UdK und Berliner Rappern entstand hier eine humorvolle Mischung aus Shakespeares Liebesdrama und 8 Mile, die sich einen Dreck um das Blatt vor den Mund (oder woanders) schert. Vor allem ist diese Inszenierung eine, die funktioniert und deshalb den Nachwuchs nicht bereits beim ersten obligatorischen Theaterbesuch mit der Schulklasse vom ersten freiwilligen abschreckt. Alle anderen Zuschauer erinnert sie an die eigene Jugend, egal, ob Hip Hop darin eine Rolle gespielt hat oder nicht. Wer den Saal nicht mit einem dem Wahnwitz der Jugend gewidmeten Lächeln verlässt, sollte seinen Shakespeare in Zukunft lieber auf herkömmliche Art konsumieren.

Die nächsten Termine sind: 12.10. und 26.10. jeweils 19.30h.
Ab 14 Jahren.
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Fotos: MGT Berlin
Romeo und Julia auf den Seiten des Gorki
Romeo und Julia im Volltext bei Projekt Gutenberg

19. Juni 2009

Hier riecht's nach Unrat!

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Professor Unrat oder Das Edne eines Tyrannen - Heinrich Mann
Maxim Gorki Theater Berlin
Regie: Sebastian Baumgarten
Bühne: Alexander Wolf
Kostüme: Ellen Hofmann
Video: Stefan Bischof
Komposition: Christoph Clöser
Musik: Oliver Brand, Christoph Clöser, Jens Massel
Dramaturgie: Carmen Wolfram
mit: Kathi Angerer, Anika Baumann, Johann Jürgens, Stefan Konarske, Andreas Leupold, Ruth Reinecke, Leon Ullrich.

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Im wilhelminischen Deutschland schrieb Heinrich Mann 1904 seinen fünften Roman „Professor Unrat oder das Ende eines Tyrannen“, in dem er die Doppelmoral des Bürgertums modellhaft am Gymnasiallehrer Raat herausstellt. Im Kaiserreich wurde er totgeschwiegen, erst Josef von Sternbergs Verfilmung "Der Blaue Engel" im Jahr 1930 machte den Roman bekannt und Marlene Dietrich zur Ikone. Jetzt inszeniert der Opernregisseur Sebastian Baumgarten „Professor Unrat“ in Berlin.

Unrats Schüler (Anika Baumann, Johann Jürgens, Stefan Konarske) lässt er geradezu marionettenhaft in farbigen Westen über ihrer Bank hängen, auf die ihre Hefte projiziert werden. Der Bühnenboden ist eine Schultafel, für Unrat bedeutet sie die Welt: Die Stadt ist voller Schüler. Sie gilt es „zu fassen“, zu züchtigen und zu strafen. Unrat muss „es ihnen zeigen“.
Ihre Abende verbringen die Schüler im „Blauen Engel“, wo Rosa Fröhlich in anrüchiger Kleidung über Liebe und ihre Kollegin Guste in Uniformen übers Vaterland singt. Ob die Hasenköpfe, die sie hier tragen, die Zöglinge zu wilden Kaninchen oder zu unschuldigen Hasen machen, bleibt dem Publikum überlassen.
Auf der Suche nach jener „Künstlerin Fröhlich“, die seine Schüler zerstreut, verschlägt es auch Unrat an diesen Ort. Zunächst deplatziert, taucht er bald in die bunte Garderobenwelt ein und besucht die „Künstlerin“ – vorgeblich um die Sittlichkeit seiner Schüler besorgt – nun täglich. Er wird zu ihrem Ankleider, Maskenbildner und Cateringservice, bis er schließlich selbst ihre Schminke an- und seine Krawatte ablegt.
Rosa hat alles, was Unrat fehlt: sie ist jung und schön, anstatt in der Kammer zu lesen, tanzt, singt und trinkt sie, sie hat viele Verehrer, Affären, Geschenke und glitzernde Kleider. Auf der Suche nach Sicherheit und Macht heiratet sie Unrat. Alles endet im Untergang.
Im Haus Unrat wird bald gespielt, getanzt, getrunken und gewettet. Erst als der ehemalige Schüler und Feind Lohmann auftaucht, kann der entlassene Lehrer die Seitensprünge seiner Frau nicht mehr dulden. Der junge Dandy „kauft“ Rosa mit seiner dicken Brieftasche und steigt mit ihr in die häusliche Wanne. Während Unrat im Roman verhaftet wird, weil er Lohmanns Portemonnaie stiehlt, und er im Film in der Zwangsjacke aus dem „Blauen Engel“ abgeführt wird, tötet Baumgartens Unrat seine Frau nun in der Badewanne.
Zum Abschluss eine weitere von zahlreichen Videoprojektionen, mit denen die Bühne fortwährend bestrahlt wird: Zoom auf Schmetterlinge auf der Tapete, sie verwandeln sich in Autos, in Flugzeuge, Überblendung zum Luftkrieg. Das ist das pessimistische Statement, mit dem Baumgarten das Stück anreichern will: Der Kontroll- und Ordnungswahn, der bürgerliche Ernst und Militarismus des wilhelminischen Reichs musste im Ersten Weltkrieg gipfeln. Der Zweite, der den Luftkrieg erst richtig auskostete, speiste sich noch aus dem verletzten Stolz dieser Gesellschaft. Und heute?
Es gibt keine höhere Macht, die Unrat einsperrt: Der Freigeist stirbt, die Doppelmoral bleibt und hinter all dem liegt noch immer ein Stück Exotismus, Nationalismus und Dekadenz.

Kathi Angerer gibt eine kreischende Rosa Fröhlich, die im pinken Morgenmantel von ihrer ach, so niedlichen Tochter erzählt. Unverhofft zitiert sie zuweilen Schillers Jungfrau von Orleans – für Unrat das Sinnbild der Heldin. Ein kurzes "Ich bin von Kopf bis Fuß auf Liebe eingestellt“ bleibt die einzige Reverenz an die Dietrich, weitere Spuren von ihr sucht man vergeblich: Baumgartens „Künstlerin Fröhlich“ ist nicht sexy, sie ist schrullig; ihre Nummern sind nicht erotisch, sondern grotesk und etwas ungelenk.
Andreas Leupolds Unrat ist fast zu selbstsicher geraten. Dessen Verfall zeigt sich mitunter an der Veränderung des zunächst hastig in Rosas Garderobe aufgetragenen Make-Ups, bis man sich schließlich an Gründgens‘ Mephisto erinnert fühlt.

Baumgartens Inszenierung ist so mit Verweisen gespickt, dass man es bald leid wird, sie zu verfolgen. Die zahlreichen Zitate – u.a. von Paul Gerhardt und Theodor Storm – fallen heraus und wirken aufgesagt. Trotz einiger schöner Ideen, reißt die Inszenierung nicht mit. Trotz oder wegen einer fast grenzwertigen Erzählgeschwindigkeit rauscht „Professor Unrat“ zum Großteil in lauter Videoprojektionen und Zitaten am Zuschauer vorbei.



Nächster Termin: 4.7. 19.30h
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Prof. Unrat auf den Seiten des Gorki

1. Juni 2009

Das Schmusium ist in unseren Lungen

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Der futurologische Kongress - Stanisław Lem
Deutsches Theater (Box & Bar)
Regie, Bühne & Kostüme: Martin Kloepfer
mit: Kornelius Heidebrecht, Thomas Schmidt

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Dass jemand überhaupt ein Werk von Lem auf die Bühne bringen kann - und besonders den futurologischen Kongress - scheint absurd genug. Martin Kloepfert hat es offensichtlich gewagt.
Das Bühnenbild ist karg, aber raffiniert, Ijon Tichy (Thomas Schmidt) selbst erzählt uns vom Kongress, von nackten Verlegern, Kongressen, deren Referenten in Zahlen reden und dem Chaos, das entsteht, wenn die Regierung Ausschreitungen mittels psychoaktiver Drogen im Leitungswasser vorbeugen will.


Mit Hilfe von pinkübersprudelnden Vitamintabletten, Puppen und Legofiguren, allerlei Soundeffekten, Rauchmaschinen und überzeugendem Spiel erleben wir, was passiert, wenn eine ganze Stadt sich in einem absurden Maß der Menschenliebe hingibt. Wir sehen, Tichy, der soeben ein Baum geworden ist, rätseln, ob die Ratte, auf der er gleich durch die Kanalisation reiten will, sein Freund ist oder ob sie ihm nur ähnelt und er sie deswegen bedenkenlos besteigen kann. Nach mehreren Körperwechseln wird Tichy in eine Brave New World-artige Zukunftswelt voller glücklicher Menschen in permanentem Drogenrausch versetzt.


Den beiden Darstellern gelingt es, die Bühne mit Atmosphäre zu füllen, geschickt tauschen sie ihre Identitäten, stiften Verwirrung, Angst und entlocken genügend Lacher. Die absurden Wirren von Lems Roman sind hier so unschuldig spielerisch, wie Ijon Tichy selbt eben ist, auf die Bühne gebracht. Ob es ein Ausdruck plumper Kreativität oder eine sozialpolitische Aussage ist, dass Tichy am Ende nicht die wahren Abgründe der futuristischen Gesellschaft erblickt und auch nicht aus seiner langandauernden Halluzination wiederkehrt, sei dahingestellt.



Die nächsten Termine sind: 10.6. & 7.7. 20.30h
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Fotos: DT
Der futurologische Kongress auf den Seiten des DT

26. Mai 2009

Theaterspektakel im Gorki

An diesem Wochenende (28.-31.5.) findet im Maxim Gorki Theater ein Theaterspektakel im Rahmen des "Geschichtsforum 1989/2009: Europa zwischen Teilung und Aufbruch" statt.
Zu sehen gibt es Performances, Lesungen, Musik, Bilder und natürlich Stücke, die sich mit Gesellschaft und Kultur nach dem Mauerfall befassen.

Den Spielplan vom MGT gibt es hier, das gesamte Programm des Geschichtsforums hier als pdf.

22. Mai 2009

Tipp - letztmalig "Der Geisterseher"

Am 2.6. wird 19.30h zum letzen Mal "Der Geisterseher" am Gorki Theater aufgeführt. Hier ein Text von mir zum Stück, das es auf jeden Fall noch (oder wieder) zu sehen gilt.

21. Mai 2009

Verdirb uns – wenn du darfst.

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Iphigenie auf Tauris - Johann Wolfgang von Goethe
Schaubühne
Regie: Jossi Wieler
Bühne: Jens Kilian
Kostüme: Anja Rabes
Musik: Biber Gullatz
Dramaturgie: Bernd Stegemann
Licht: Erich Schneider
mit: Thomas Bading, Judith Engel, Urs Jucker, Burghart Klaußner, Ernst Stötzner

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Eine aufsteigende Schräge mit einer quadratischen grünen Wiese darauf. An den Wänden große, schwarze Kacheln, oben zwei Eingänge, zwei Aufgänge an den Seiten, ebenda zwei Ausgänge - einer zur Stadt hin, einer zur Küste hin. Es ist der Heilige Hain der Artemis auf Tauris. Im Gegensatz zur quadratischen Wiese in diesem Stück, ist die quadratische Wiese in der Schaubühne echt und auf einer geneigten Ebene - im Gegensatz zur Picknickwiese in "Die Juden" ist diese Wiese der buchstäbliche, profanisierte Heilige Hain. Welche der beiden quadratischen Wiesen als originell gelten kann, ist eine andere Frage.

Jeder Kenner der griechischen Mythologie bzw. Tragödie weiß, was auf dem Hain in Tauris passiert - nachdem Agamemnon, auf dem Weg nach Troja, auf Bitten Artemis' hin seine Tochter zugunsten des segelspannenden Windes geopfert hat, wurde jene von der Göttin errettet und auf die Insel Tauris verfrachtet. Der Beweggrund der Jagdgöttin ist - wie es den griechischen Menschen-Göttern gut ansteht - der Eigennutz: zuerst, um Agamemnon zu testen und dann, damit seine überlebende Tochter Artemis als Priesterin dienen kann.

Hier muss die frustrierte Iphigenie (Judith Engel) ihr Dasein fristen - von Familie und Heimat getrennt, vom Vater für die Willkür der Götter ermordet. Vom Gesetz der Insel, jeden Fremden zu töten, blieb sie verschont, dafür stellt ihr der König (Burghart Klaußner), rausgeputzt wie ein neureicher Russe, nach. Die Königstochter wirkt wie eine Puppe, plump und steif, im hellblauen Glitzerkleidchen starrt sie vor sich hin und nörgelt gleichgültig. Eines Tages taucht ihr Bruder Orest (Ernst Stötzner) auf der Insel und sorgt vor allem für Verwunderung darüber, dass er als jüngerer Bruder älter ist, als der gemeinsame Vater sein könnte. Der Fluchtplan ist geschmiedet, der König wird überredet, sie gehen zu lassen, alles ist gut.

Dass diese Handlung bei Goethe durchaus einige hundert Seiten füllen kann, ist eine Sache. Hingegen ist es offensichtlich keine gute Idee, das Stück fast vollständig auszuspielen. Dies manifestiert sich nicht zuletzt darin, dass ca. 1/4 der Zuschauer den Saal vorzeitig verlässt.
Der Spannungsbogen wird genauso heruntererzählt wie die ausladende Familiengeschichte, mittels derer Iphigenie sich vorstellt und bei der sie drei Generationen zurückgreift. Die Entwicklung der Charaktere wird entweder ausgespart oder äußert sich höchstens in den Kostümen. So entwickeln sich jene der Iphigenie vom Püppchenkleid zum Hosenanzug, den sie im fünften Akt trägt, als sie die Gleichheit der Geschlechter postuliert. Das wiederum ist dem aufmerksamen Zuschauer fast schon auf brutale Weise ins Gesicht gerieben.
Das Spiel ist alles andere als fesselnd, die Verse des Dichters strömen vorüber und als am Ende das Licht erlischt, stehen Bruder und Schwester auf der grünen Wiese und halten die Hände. Ähnlich, wie hier zwei Menschen mit dem Gesicht zum Publikum ein Happy End demonstrieren, besteht die zweistündige Inszenierung vor allem aus Menschen, denen man dabie zusieht, wie sie ihre Verse aufsagen.


Die nächsten Termine sind: 25., 26 und 29.05., 20h
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Iphignie auf Tauris im Volltext auf Projekt Gutenberg.
Iphigenie auf Tauris in der Schaubühne

28. April 2009

Derniere chance: "Pierre und die anderen"

Aus irgendwelchen Gründen wird hier gerade nicht mehr auf Kinovorführungen hingewiesen, aber macht das was, wenn das Kino im Theater agressiver, aktueller und intellektueller reflektiert wird, als im Kino? Eine Empfehlung für eine Inszenierung in den Sophiensälen: PIERRE UND DIE ANDEREN von Christine Groß und Ute Schall, bekannt aus dem Pollesch-System. Die Aufführung rollt los von Fassbinder und der Nouvelle Vague (Rivettes OUT 1), hinweg in eine verblödete audiovisuelle bundesrepublikanische Gegenwart. Die Schauspielerin Gloria gerät ihrer wirtschaftlichen Misere wegen ins von einer Filmemacherin als Cinéma Vérité missverstandene Reality-TV. Nur das Action-Theater kann sie retten. Bleibt die Frage: Wo ist zwischen Theaterbühne und Fernseh-Trash eigentlich das Kino abgeblieben?

Sophiensäle, Mittwoch den 29.04., 21 Uhr zum letzten Mal.

4. April 2009

Ich bin mein Himmel und meine Hölle

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Die Räuber - Friedrich Schiller
Schaubühne
Regie: Lars Eidinger
Ausstattung: Christoph Rufer
Kostüme: Esther und Lena Krapiwnikow
Akkordeon: Jan Jachmann
Dramaturgie: Irina Szodruch
Licht: Boris Kahnert
mit: Grégoire Gros, Toni Jessen, Urs Jucker, Birte Schnöink, Claudius von Stolzmann, Tilman Strauß, Felix Tittel, Sebastian Zimmler

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Das Sturm und Drang-Meisterwerk, das seinem 22-jährigen Verfasser unter anderem einen Kurzaufenthalt im Gefängnis verschaffte, begeisterte bei seiner Uraufführung 1782 vor allem jugendliches Publikum und empörte die Sittenwächter. Studierende der Schauspielschule "Ernst Busch" (3. Studienjahr) experimentieren an Schillers erstem Drama und zeigen viele interessante Ideen.

Ein abgesenkter, wie eine Gummizelle ausgepolsterer Teil der kleinen Bühne stellt das Schloss der Familie Moor dar, wo der fette alte Vater (Urs Jucker im Fatsuit) in einer Couch vor dem obligatorischen Fernsehgerät und einer Videospielconsole vor sich hinsiecht. Eine Biertischgarnitur repräsentiert die Schenke, in der sich die Räuberbande formiert und ein expressionistisch anmutender Holzbaum in der Ecke ist natürlich der Böhmische Wald. Fast absurd simpel, aber gut.

Die beiden Szenen des Exposé werden in dieser Inszenierung parallel gespielt, so dass Franz (Sebastian Zimmler) seinem Bruder (Tilman Strauß), der nebenan (in der "Schenke an den Grenzen von Sachsen") steht, direkt in die Augen sehen kann, während er dem gemeinsamen Vater über dessen erfundene Schandtaten erzählt. Quasi in einer Parallelmontage scheinen die Zeilen der beiden Parteien hier aufeinander zu reagieren. Die Räuber bringen mit einem wie auf Knopfdruck einsetzenden Gegröhle eine authentische Kneipenatmosphäre auf die Bühne, die jedesmal genauso überraschend abrupt wieder abbricht, wie sie eingesetzt hat.

Ich habe keinen Vater mehr, ich habe keine Liebe mehr, und Blut und Tod soll mich vergessen lehren, dass mir jemals etwas teuer war!

In einem überstürzten Akt der Entrüstung über die durch seinen Bruder eingefädelte Verbannung Karls aus dem väterlichen Hause gründet der gute Bruder eine Räubergang. Die studentische Kneipengesellschaft verwandelt sich damit in eine Collage jugendlicher Subkulturen und potentieller -banden und ihr Anführer in den verhinderten Schläger und Vergewaltiger schlechthin - Alex aus Stanley Kubricks Clockworck Orange (1971).

Ich soll meinen Leib pressen in eine Schnürbrust und meinen Willen schnüren in Gesetze. Das Gesetz hat zum Schneckengang verdorben, was Adlerflug geworden wäre.

Foto: Schaubühne

Angelehnt an den Film, der sich als DVD sogar materiell auf der Bühne befindet, stürmen sie zum Soundtrack die Bühne und präsentieren sich in der Korova Milk Bar-Pose, als das Licht wieder angeht.
Während der böse Bruder, ein verwöhntes, reiches Söhnchen, sich die Zähne an Karls Verlobter ausbeißt, setzt dieser halbe Städte in Brand und schlägt Pfarrer zusammen. Dies geschieht in tänzelnder Clockwork Orange-Manier, wobei er und seine Jungs Queens Bohemian Rhapsody singen. Die anschließende Kampfszene mit den Ordnungskräften ist ein wilder Pogo. Aggressionsabbau heute.

Ihr schämt euch nicht, vor Kreuz und Altären zu knien, zerfleischt eure Rücken mit Riemen und foltert euer Fleisch mit Fasten, ihr wähnt, mit diesen erbärmlichen Gaukeleien demjenigen einen blauen Dunst vorzumachen, den ihr Toren doch den Allwissenden nennt

Der Musical-Anstrich sorgt für die erheiternde Ironie im Drama. Obwohl mancher Gesang trotz Singstar-Karaoke etwas schwächlich ist, tragen die Discokugel und einige die Figuren umstimmenden Kampf- oder Schmachtlieder zumindest zu einem Schmunzeln bei. Spätestens wenn Franz von Moor sich zu Michael Jacksons Bad triumphierend auszieht und den Fatsuit seines Vaters - das Insignium von Macht und Geld - überstülpt, scheinen die Musikeinlagen recht angenehm.

Das Spiel ist zum Teil etwas holprig, aber dennoch sehenswert. Der Schwerpunkt der Inszenierung liegt auf den beiden Brüdern und beide sind sie überzeugend und menschlich. Karl ist stellenweise etwas zu enthusiastisch, jedoch leidet darunter lediglich der Text, dessen Passagen ab und zu in der Unverständlichkeit des Schreis verschwinden. Im Gegensatz zu Anthony Burgess' Alex (Romanvorlage Clockwork Orange) verbietet es Karl seine moralische Überzeugung und keine gewaltsame Anti-Gewalt-Therapie das Dasein als Räuber und genau wie Alex kann auch Karl nichts anderes sein, als das.

Blut muss ich saufen, es wird vorübergehen.

Seine Heldentat zum Schluss wird Karl nicht gewährt: bevor er sich selbst der Justiz übergeben kann, erschießt ihn einer der beiden Überlebenden der Räuberbande. Auch in dieser Inszenierung keine Versöhnung. Keine Buße, keine Erlösung. Kaum Überlebende.

Die nächsten Termine sind: 05., 10. und 11.4.
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Die Räuber im Volltext auf Projekt Gutenberg
Die Räuber in der Schaubühne
A Clockwork Orange in der IMDb
alle Zitate aus: Friedrich Schiller: Die Räuber

2. April 2009

Ich bin ein Jude.

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Die Juden - Gotthold Ephraim Lessing
Berliner Ensemble
Regie: George Tabori
Dramaturgie: Hermann Beil
Bühne: Etienne Pluss
Kostüme: Margit Koppendorfer
Musik: Hans-Jörn Brandenburg
mit: Therese Affolter, Boris Jacoby, Hanna Jürgens, Christopher Nell, Michael Rothmann, Marko Schmidt, Axel Werner

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Das Tückische, das Ungewissenschafte, das Eigennützige, Betrug und Meineid, sollte man sehr deutlich aus ihren Augen zu lesen glauben.

Deswegen und weil alle Juden von Natur aus Räuber und Betrüger sind, mag der Baron sie nicht. Ein netter Reisender, der ihn vor Wegelagerern rettet, scheint ihm sympathisch und ein würdiger Zeitgenosse, dem eine Ehe mit seiner Tochter geradezu aufgezwungen werden kann. Denn der Baron hat

nie eine so aufrichtige, großmütige und gefällige Miene gefunden

wie die des Reisenden. Alles scheint gut, bis er gedrängt wird, seinen Stand, Hekunft und was man noch alles von einem Edelmann, dem man seine Tochter anvertrauen will, wissen sollte, zu verraten.

Ich bin ein Jude.

Nach einigem Schweigen will das Unbehagen trotz aller Höflichkeitsbekundungen nicht verfliegen. Nur des Reisenden Diener empört sich, als "ehrlicher Christ" einem Juden seine Dienste erwiesen zu haben, aber er will ihm dennoch weiter dienen, nachdem er zu dem Schluss kommt:

Es gibt wohl auch Juden, die keine Juden sind.

Und dabei bleibt es auch. Man hat sich versöhnt, alles ist anders, von Heirat ist keine Rede mehr. Die Christen stehen auf und gehen.
Der Jude, das schwarze Schaf zwischen den hell gekleideten, blonden Christen, bleibt allein sitzen und kommt auch mit einer Tasse Tee nicht darüber hinweg, dass diese nicht mehr schmeckt. Auf einer grünen Kunstwiese sitzt er allein vor dem verlassenen Silberservice.

An dem vom 20-jährigen Lessing verfassten "Lustspiel" ist wenig Text verändert worden. Immerhin wird ein obszönes Wort gesagt, was allerdings zu kaum mehr als einem kurzen Entsetzen einer älteren Dame im Publikum führt.
Auffallend ist Michael Rothmann als teilweise etwas Chaplin-artiger, lebensechter Christoph sowie die Musik von Hans-Jörn Brandenburg, die die Akustik der Schallplatte wieder ins Ohr ruft. Die gab es zwar erst 100 Jahre nach Lessing, aber immerhin klingt das Ganze irgendwie altertümlich und weckt ein Stück Nostalgie im Zuschauer. Die fehlende Versöhnung, die Lessing am Ende erfolgen lässt, ist inzwischen Standard geworden und auch sonst ist an der Inszenierung wenig Originelles zu finden. Abgesehen von der Leistung des Dichters bekommt man hier vor allem Schauspieler auf einer Bühne präsentiert.

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Die Juden im Volltext auf Projekt Gutenberg
Repertoire des Berliner Ensembles
Zitate aus: G.E.Lessing: Die Juden

29. März 2009

Doch nun ist alles feindlich

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Medea - Euripides (Übers.: Hubert Ortkemper)
Deutsches Theater Berlin
Regie: Barbara Frey
Bühne: Bettina Meyer
Kostüme: Gesine Völlm
Video: Bert Zander
mit: Nina Hoss, Michael Neuenschwander, Christine Schorn, Meike Droste, Gábor Biedermann, Matthias Bundschuh, Christian Grashof, Horst Lebinsky

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Nachdem Iason mit ihrer Hilfe das Goldene Vlies stiehlt und damit die Pläne seines Onkels, den gefürchteten Helden mit nur einem Schuh loszuwerden, durchkreuzt, flieht er mit Medea nach Korinth. Sie bringt dessen Töchter durch eine List dazu, Iasons Onkel zu töten und rächt damit ihren Geliebten. Unterwegs vermählt und in Korinth angekommen, zeug das Paar zwei Nachkommen, die zur Freude des Griechen auch noch männlich sind.

Doch Medea stammt aus Kleinasien, sie ist keine Griechin und damit eine Barbarin. Eine Ehe mit ihr - zudem außerhalb Griechenlands und ohne den nötigen rituellen Aufwand geschlossen - ist ungültig. Der vermeintliche Held nutzt diese Umstände, um ungeniert mit einer anderen Frau ins Bett zu gehen. Dazu wählt er nicht irgendjemanden, sondern die junge hübsche Königstochter Korinths. Diese Faktoren spielen für ihn aber keine Rolle, er denkt nämlich lediglich an das Wohlergehen seiner und Medeas Kinder, die er damit nicht in nur in den Bürger-, sonden auch in den Prinzenstatus erheben will. Dass Medea ihre Familie und Heimat für ihn verraten und ihren Bruder ermordet hat und obendrein als geschiedene Frau in Griechenland nur ein für eine Königstochter undenkbares Leben führen kann, interessiert den liebenden Gemahl kaum. Schon allein sein naturgegebener Mehrwert an Fleisch zwischen den Beinen gibt ihm Recht und alles scheint perfekt zu sein.

Medea, als Priesterin der Zaubergöttin Hekate und Enkelin keines Geringeren als des Sonnengottes, passt die Umtriebigkeit ihres Gatten natürlich überhaupt nicht. Sie rächt sich an ihm, an seiner neuen Braut, an deren Vater und an den gemeinsamen Söhnen und hinterlässt bei ihrer Flucht nach Athen einen Leichenberg und einen gebrochenen Helden.

Foto: DT

Eine Morticia Adams-artige Nina Hoss spielt die temperamentvolle Killerin, gefangen in einer viel zu engen Wohnung, in der nur Iason frei ein- und ausgehen kann. Ihren Weg daraus mordet sie sich frei, wobei sie sich selbst von den scheinbar näher kommenden Wänden nicht ins Gewissen reden lässt. Den etwas an den unrasierten Bud Bundy erinnernden Macho-Iason (Michael Neuenschwander) wickelt sie mühelos um den Finger, um ihm anschließend genüsslich in die Magengrube zu treten.

Auch wenn nach der Entstehung dieser Tragödie ca. 2.500 Jahre vergangen sind und man inbrünstig hofft, dass zumindest die Geschlechterverhältnisse sich geändert haben, lässt das Stück nicht kalt.
Die Sympathie liegt eindeutig auf der einsamen Seite Medeas, die sich mit einer weinenden und schluckenden Frauenrolle nicht begnügen will und alles opfert, was ihr lieb und teuer ist. Alles, inklusive der eigenen Kinder, instrumentalisiert sie, um dem Brecher ihres Herzens und ihres Stolzes das zu servieren, was alle enttäuschten, wütenden Bräute wollen: Rache. Ihr Vorgehen ist irrational und bis ins Detail durchgeplant zugleich und trifft den zum Erzfeind gewordenen Ex genau dort, wo es am meisten weh tut. Die Karriereplanung seiner Kinder als Altersvorsorge, die er eigensinnig und überaus männlich in die Hand nehmen wollte, wirft Medea innerhalb eines Tages um und entpuppt sich als der eigentliche Held.


nächster Termin: 3.4., 20h

23. März 2009

I won't do it with you, I'll do it to you

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Lilo's Lido - Nightmare Before Valentine
Konzept, Choreographie, Bühne & Kostümdesign: Birgitt Bodingbauer, Christin Maaß, Andriana Seecker
Dramaturgie: Lydia Ziemke
Tanz: Birgitt Bodingbauer, Alina Grell, Christin Maaß, Karoline Rödel, Uta Rössler, Andriana Seecker
Musikschnitt: Jan Bischof, Carsten Wilhlem
Kostüme: Cecilia Palmer
gesehen im projekttheater dresden

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Ein Tanztheaterstück, fünf junge Frauen, winzige Stühle, ein Tisch, ein Klavier, Blumen, Bonbons, zwei Paar Gummistiefel und von der Decke baumelnde Gummihühner.


Mühelos schwebend, springend, sich windend und scheinbar schwebend wechseln die Tänzerinnen zwischen fließenden Bewegungen und abrupten Schnitten. Mit schlichter, aber wirksamer Ausstattung und einer in jeder Hinsicht herausfordernden Choreographie erzählen sie vom menschlichen Miteinander.
Mit Farben und Figuren setzen sie Bilder zusammen, um sie wieder zu zerstören, so wie alle Bilder verfallen und verdunkeln. Mal sind sie sanft und zärtlich, mal aggressiv und laut. Nur stellenweise von einer Collage aus Musikstücken unterlegt, verliert der Tanz weder bei Musik noch in der Stille seine Wirkung, sondern wird jeweils unterstrichen.


Unterschiedliche Paar-, Gruppenkonstellationen und Soli erzählen von Freundschaft und Partnerschaft, von Einsamkeit und Gruppenzugehörigkeit. Spaß, Freundschaft, Familie und Verantwortung werden in bewegten und stillstehenden Bilden gezeigt, die sich um- und verwandeln und jeden Moment zu zerfallen drohen. Begehren und Bekommen, Geben und Nehmen werden im Zusammenhang von Mit-, Auf-, Neben- und Zueinander gegenübergestellt.
Ist es die Realität? Ist es ein Märchen, ein Traum oder eine Erinnerung? Sieht man noch in den Spiegel oder wird man angesehen? In diversen Spiegelungen und Wiederholungen werden Fragen nach Identität und Identifizierung gestellt. Rollen werden ver- und ausgetauscht, aufgelöst und neubesetzt; Verhältnisse hinterfragt, neugewürfelt und auf den Kopf gestellt.


Was, wenn zwei ein Klavier bespielen wollen? Was, wenn die Blumen von oben wachsen? Was, wenn das Wasser in den Gummistiefeln steht? Was, wenn man denkt, man ist allein und die anderen platzen herein?

Termine in Berlin: 2.-4.4., 21h in der Brotfabrik
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Fotos von Lydia Ziemke, Tony Mahony, hier geklaut

15. März 2009

Über Tiere

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Über Tiere - Elfriede Jelinek
Deutsches Theater, Kammerspiele
Regie: Nicolas Stemann
Bühne: Nicolas Stemann, Mitarbeit: Anne Hölzinger
Kostüme: Marysol del Castillo
mit: Margit Bendokat, Ingo Hülsmann, Sebastian Rudolph, Nora von Waldstätten, Almut Zilcher, Regine Zimmermann

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da wollte ich also die reine Liebe. Aber als ich sie daheim ausgepackt habe, hab ich erst gemerkt, daß es nicht die reine war

In Elfriede Jelineks "Über Tiere" geht es um Liebe. Reine Liebe, ideelle Liebe, körperliche Liebe, käufliche Liebe, besitzende Liebe, erzwungene Liebe, zwingende Liebe, einzwängende Liebe. Ist Liebe denn überhaupt das richtige Wort?

Der Brief einer Frau, die sich selbst zu erhalten versucht, auf rosa Briefpapier. Eine anzügliche Stimme aus dem Off - eine Männerphantasie? Vielleicht ist sie sogar jungfräulich? Vielleicht macht sie auch Griechisch? Frauen als Fleischwaren, jung knackig gut, am besten aus Osteuropa.

Auf ihr kein Aufpreis, hinter ihr Aufpreis, plus Arsch kostet Aufpreis.

In Elfriede Jelinkes "Über Tiere" geht es um Konsum. Kleider, Sonderanfertigungen, Dienstleistung, Recycling, Sex. Es geht um Figurhaben, Reisen, Repräsentieren. Frauen als Objekte, Sex als Beruf, Liebe gegen Rechnung.

ich sehe, mit welcher Anmut diese andre liebende Frau es trägt, und will es daher auch tragen


Nicolas Stemanns Inszenierung des Stückes der österreichischen Nobelpreisträgerin am Deutschen Theater ist eine bunte Collage um Macht und Sex. Die sechs Schauspieler und Schauspielerinnen sind Freier, Puffmütter, Nutten, Käufer und Verkäufer, Leidende und Nutznießer zugleich. Sie lesen, sie reden, sie plaudern, sie tanzen, sie schreien. Jargon, Wut, Dialekt, Flüsterton, Verführung, Verzweiflung, Abwehr, Besitzergreifen. Ein Stück auch über Schreiben und Lesen, über Texte und Wiederholung. Und über Vieles mehr.
Aufregend, witzig, traurig, erschreckend und mit allen verfügbaren Mitteln wird hier ein aktueller und oft verdrängter Diskurs visualisiert. Unter Zuhilfenahme von Projektionen, Videoaufnahmen, Wasser, Crossdressing, Wünschen, Träumen und dem harten Alltag. Eine Vorlage, die mit Wortwitz und sprachlichem Feingefühl besticht, eine Inszenierung, die schockierend, witzig und traurig zugleich ist. Burlesk, grotesk und doch im Halse stecken bleibend.

Und das sagt der Regisseur dazu:



nächster Termin: 20.04., 20h

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alle Zitate aus:
Über Tiere von Elfriede Jelinek auf: http://www.elfriedejelinek.com
"Liebe ist..."-Bild von: http://liebe-ist.moonweb.de
Foto: DT

14. März 2009

Christian Petzold am DT.


Heute abend findet im DT die Premiere von Christian Petzolds erster Theaterinszenierung Der einsame Weg (Arthur Schnitzler) statt. Weitere Termine und Informationen auf der Website des Theaters, hier der Spiegel zu Petzold im Theater. Im Cargo-Videointerview gibt Petzold mitunter auch zu dieser Arbeit Auskunft.


Foto: DT

[via]

Nachtrag:
Hat mit dem Theaterstück weniger zu tun, aber: auf YouTube habe ich gerade noch ein weiteres Interview mit Petzold über das deutsche Kino aus Berliner Perspektive gefunden. Vielleicht ja interessant.

Nachtrag 2:
Das Feuilleton regt sich:
Süddeutsche ~ FAZ ~ taz
Frankfurter Rundschau ~ Welt

4. März 2009

Wünschen sie sich Glück

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Der Geisterseher - Friedrich Schiller
Maxim Gorki Theater Berlin (Studio)
Regie: Antú Romero Nunes
Dramaturgie: Nina Rühmeier
Ausstattung: Julia Plickat
mit: Paul Schröder und Jirka Zett

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Treten Sie näher, meine sehr verehrten Damen und Herren!

Denn hier gibt es endlich wirklich was zu sehen! Zwei junge Schauspieler zeigen Friedrich Schillers im Geiste der Romantik stehende Erzählung von 1787/88, die an das Leben des Alessandro Graf von Cagliostro angelehnt ist.
Sie erzählen die Geschichte gemeinsam ... nein, sie spielen sie ... nein, sie improvisieren sie und erfinden sie vor dem Publikum. Vielleicht spielen sie auch überhaupt nicht, vielleicht ist es echt. Streiten sie sich tatsächlich? Sagen sie sich wirklich gegenseitig ihren Text vor? Und was, wenn es doch eine echte Pistole ist?

Die Erzählung handelt von einem junger Mann, der das Leben genießt mit allem, was dazugehört: Reisen, Lounge, Sushi, Design. Als dritter Prinz hat er keine Hoffnung auf den Thron, also verprasst er das Geld der königlichen Kasse im Müßiggang.

Mitten in einem geräuschvollen Gewühl von Menschen ging er einsam

Während des Carnevals in Venedig gerät das Ganze ein wenig aus den Zügen. Inmitten von Masken, Spiel und Musik bricht eine mysteriöse Welt voller Geheimnisse, Zauberei und ein wenig Paranoia über den jungen Mann herein.
Der Prinz, der vorher "nur mit dem Herzen" sah, entdeckt andere Sinnesorgane und -gelüste. Nun ist er dauerbetrunken, Gewalt und Drogen füllen die Lücke, die Melancholie hinterlassen hat. Bis er erkennen muss, dass auch dieses Leben nicht seins ist und in einer Kirche einer Frau begegnet, die er vorher auf einem Bild gesehen hat...

Foto: Gorki Theater

Jedes einzelne Wort ist gelogen! Es ist alles einstudiert!

Entsprechend ist die Inszenierung auf einer Probebühne zu sehen, auf die man vorher durch Maske und Garderobe geführt wird. Licht und Ton gibt es nur auf Zuruf oder Handzeichen - Räume, die das Publikum eigentlich nicht zu sehen bekommt, Dinge, die zeigen, dass Theater doch eben nur Theater ist. Und gerade deswegen ist diese Inszenierung viel mehr als das: Ein Stück über Leidenschaft und Gewalt, Drogen und Dekadenz, Romantik und Aufklärung, Herrschaft und Knechtschaft und den Unterschied zwischen Religion und Glauben. Indem das Theater seine eigene Künstlichkeit thematisiert, stellt es diese in Frage, die Grenze zwischen Text, Improvisation und realen Personen schwindet. Es ist kein Trick, die Illusion wird aufgelöst, diesen Geist haben wir schon gesehen. Indem das Theater seine Grenzen überschreitet, gewinnt es den Zuschauer und ist ihm näher als es innerhalb der Grenzen je sein konnte. Im Geiste der Postmoderne erstrecken sich die an den mitdenkenden Menschen gerichteten Anspielungen von Disneyfilmen zum Leben in Berliner Hip-Bezirken.
Die beiden Schauspieler geben ihr Bestes und lassen den Zuschauer nicht nur lachen und weinen, sondern auch denken. Auf der kleinen schwarzen Bühne errichten sie alle erdenklichen Räume, zu zweit sind sie ein Jahrmarkt, eine Zaubershow, Freunde und Feinde und vor allem außerordentliche Darsteller.
Locker und souverän wird hier die über 200 Jahre alte Erzählung aktueller denn je präsentiert: Man glaubt, einen Bekannten in jeder Figur zu erkennen, denn es ist immer der Andere, den man im Drama sieht. Die Sprache der Inszenierung ist unsere eigene, Schillers umständliche Worte sind aber nicht zwanghaft in heutige Umgangssprache gepresst. Und eh man sich versieht, erstehen die Geister vor den Augen der Zuschauer.
Eine wunderbare Inszenierung nach allen Regeln der Kunst, aber frisch und anders zugleicht!

Dem Leser, der Geister hier zu sehen gehofft hat, versichre ich, daß noch welche kommen; aber er sieht selbst, daß sie bei einem so ungläubigen Menschen, als der Prinz dermalen noch ist, gar nicht angewandt sein würden.
Zitat Schiller


nächster Termin: 18.4. und 13.5. 20.15h und 2.6. 19.30h.

17. Februar 2009

Wer hat Angst?

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Wer hat Angst vor Virginia Woolf? - Edward Albee
Deutsches Theater Berlin (im Haus der Berliner Festspiele)
Regie: Jürgen Gosch
Bühne & Kostüme: Johannes Schütz
mit: Corinna Harfouch, Ulrich Matthes, Katharina Schmalenberg und Alexander Khuon

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Das für die Silly Symphony Three Little Pigs (1933) von Frank Churchill geschriebene Lied Who's afraid of the Big Bad Wolf? ist eines der berühmtesten Disney-Lieder. 1933, vier Jahre nach dem Schwarzen Donnerstag (oder Freitag) wurde es ein Gassenhauer während der Weltwirtschaftskrise.



Edward Albee modifizierte die berühmte Zeile als Titel für sein Stück Who's afraid of Virginia Woolf? (UA: 13.10.1962), indem er den Namen der britischen Schriftstellerin einsetzte. Vier Jahre später verfilmte Mike Nichols den Stoff mit Elizabeth Taylor und Richard Burton in den Hauptrollen - der Film gewann zahlreiche Auszeichnungen, darunter auch einen Oscar für Liz Taylor.
2004 brachte Jürgen Gosch das Ehedrama, das 1963 seine Deutschlandpremiere am Berliner Schloßtheater erlebte, im DT auf die Bühne.


Ein Ehepaar um die 45 kommt von Papas Party - denn ihr Vater ist Rektor des College, Brötchengeber und Chef in allen Lebenslagen - nach Hause und sie erwarten noch Gäste. Genauer: Martha (Corinna Harfouch) erwartet noch Gäste - ein junges Paar, das sie ohne Georges (Ulrich Matthes) Wissen eingeladen hat, weil Papa sagte, sie sollen nett zu ihnen sein. Man ist schon recht betrunken und gerät in eine kleinere Auseinandersetzung und gerade als sie "Fick dich!" ruft, kommen die fröhlichen Gäste herein:
Ein gutaussehener, erfolgreicher Biologe namens Nick (Alexander Khuon), der seine Sandkastenfreundin geheiratet hat, weil man dachte, sie sei schwanger. Selbige - Honey genannt (Katharina Schmalenberg) - ist eine überdrehte, tanzwütige und leicht dümmlich-naive Frau, die immer nur Brandy pur trinkt, um anschließend zu kotzen, weiterzutrinken und wieder zu kotzen.

Man trinkt und unterhält sich über die wichtigen Dinge im Leben: Familie, Kinder, Karriere. Wer von den Anwesenden eigentlich was davon hat, was davon braucht und was davon will, ist vor allem den Figuren selbst unklar. Letztendlich spielt das auch keine Rolle, denn jeder erzählt ohnehin nur seine eigene Geschichte und eigentlich kann man den Gesprächspartern gar nicht ausstehen.
Beide Ehen wirken recht erschreckend, während Martha und George jedoch genau wissen, wo man den anderen schlagen kann und dies ausgiebig tun, redet die jüngere Frau ihren Mann noch mit "Schatz" an. Man spricht noch nicht in der dritten Person vom anwesenden Ehepartner und versucht nicht permanent, ihn vor den Gästen - und allen voran vor ihr/ihm selbst - bloßzustellen. Der Ruf und die Manieren sind schnell vergessen, aus Sehen Sie sich vor! wird schnell Sie dich vor!, während es immer nur Nick ist, der Warnungen ausspricht, um seine Frau zu verteidigen. Diese ist ja auch schmalhüftig und verfällt in einen Ekelanfall, weil ihr Mann das "F..."-Wort benutzt hat. Als einzigen Ausweg aus der Situation ergreift Honey die Möglichkeit, immer mehr zu trinken, um sich nicht an das Verhalten ihres Mannes - vor allem nicht an sein Interesse an einer selbstbewussten Frau - zu erinnern.


Das Bühnenbild von Johannes Schütz zeigt eine schwarze, nackte Bühne (wie ungünstig, dass das letzte Stück, das ich am DT gesehen habe, das gleiche Mittel anwenden wollte) mit einem Tisch, fünf Stühlen und einem dünnen weißen dreidimensionalen Rahmen herum. Die Figuren sitzen hier in einem Würfel - zu fein, um ein Käfig zu sein, aber dennoch vorhanden. Die Gesellschaft löst sich schnell in einem Gelage auf, der Tisch wird zur Bar umfunktioniert und will nicht mehr so recht in seine traditionelle Rolle zurückkehren. Die Figuren tun es schließlich auch nicht.

Die Inszenierung ist voller Energie - schwankend zwischen Sex und Gewalt, gerichtet gegen alle und niemanden. Das brillante Spiel (v.a. von Corinna Harfouch und Ulrich Matthes) erhält das Stück am Leben, die Darsteller sind präsent und überzeugend - die Figuren sind typisch, ohne klischeehaft zu wirken. Sie zeigen Verzweiflung, aber keine Resignation. Sie kämpfen miteinander und verzweifeln ohne einander.
Fotos: DT

Die nächsten Termine sind: 19.2. und 1.3.2009 jeweils 19.30h

6. Februar 2009

eat me, drink me

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Alice im Wunderland - Bühnenfassung von Roland Schimmelpfennig (nach Lewis Carroll)
Deutsches Theater Berlin, Kammerspiele
Regie: Roland Schimmelpfennig
Bühne: Nehle Balkhausen
Kostüme: Giulia Paolucci
Musik: Martyn Jaques; musikal. Leitung: Patrick Schimanski, Musiker: Andreas Dormann, Sven Pollkötter, Marc Awolin
mit: Regine Zimmermann, Barbara Schnitzler, Kathrin Wehlisch, Thomas Schmidt, Jürgen Huth, Mirco Kreibich, Gabriele Heinz und Aylin Esener

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Lewis Carrolls Alice's Adventures in Wonderland gehört zu den Kinderbüchern, die ich als Kind nicht verstanden und 10 Jahre später geliebt habe.
Roland Schimmelpfennigs Bühnenfassung von Alice im Wunderland wurde seit ihrer Uraufführung 2003 an mehreren deutschen Theatern gespielt. Zur Zeit unter der Regie des Verfassers am Deutschen Theater Berlin. Zugegebenermaßen bin ich mit vorhandenen Bildern, die es umzustürzen galt, in die Aufführung gegangen - von der Inszenierung am Dresdner Staatsschauspiel 2003/04 (R: Bernarda Horres). Die Bilder sind geblieben.
Aber beginnen wir von vorn.

Ein Mensch mit langen blonden Haaren, in weißer, an die eines Radfahrers erinnernder Kleidung, rennt hastig auf die Bühne. Er läuft wild hin und her und fällt alle 3 Schritte hin, überschlägt sich, rennt wieder, fällt, steht diesmal blutbeschmiert auf, rennt, fällt usw. - das weiße Kaninchen (Mirco Kreibich) - eine Art Kurt Cobain auf Speed. Immerhin sympathisch durch eine weiße (Kunst-)Fellweste (wie auch der Märzhase dank einer grauen Felljacke als ebensolcher zu erkennen ist). Während er neurotisch zitternd sein Lied singt, tauchen Alice (Regine Zimmermann) und ihre lesende Schwester (Barbara Schnitzler) auf. Alice erblickt das Kaninchen und die Reise beginnt.

Follow the White Rabbit.

Eigentlich gibt es gar keine Reise, eigentlich ist man sofort mittendrin. Das Bezugssystem real-irreal ist von vornherein nicht gegeben, da keine Ebene etabliert wird. Es gibt keine Grenze, die Alice überschreitet, um in eine andere Welt zu gelangen - ihre Welt und die des weißen Kaninchens sind von Anfang an ein und dieselbe. Unterstützt wird diese Einheit durch die Besetzung - Alice' Schwester ist auch die Katze und die Königin. In die psychoanalytischen Aspekte, die dadurch eröffnet werden, will ich mich an dieser Stelle nicht vertiefen.

One pill makes you larger
And one pill makes you small

Die Geschichte ist bekannt, Alice findet eine kleine Tür samt Schlüssel, ändert ihre Größe, weint... Ob sie sich dabei ein Stück Torte ins Gesicht schmieren und anschließend aus einem Eimer mit Wasser übergossen werden muss, sei dahingestellt. Jedenfalls gibt Kathrin Wehlisch einen wunderbaren Hutmacher, dessen Kostüm ein wenig an einen Bahnschaffner, einen Transvestit und einen Clown, wie er in einem Marilyn Manson-Clip auftauchen könnte, erinnert.

Ein Mann, der - die Erinnerungen an Schultheaterstücke wachrufend - in einem Schlafsack über die Bühne robbt, stellt die Raupe dar (Jürgen Huth). Die Katze - eine schwarzgekleidete Frau im 80s-Style, die High Heels trägt und laufend Tabletten mit Jonny Walker Red Label herunterspült. Die Königin - eine alte Dame im Rollstuhl, ein jämmerliches Relikt der alten Zeit, das sich lautstark zu behaupten versucht. Diedelum, Diedelei (Aylin Esener udn Gabriele Heinz) geistern über die Bühne, einer von ihnen fehlen ein paar Zähne, am Ende treten sie in Trauerkleidung auf. Der Märzhase - ein etwas kindlicher Tischgeselle, der Alice in der Zweisamkeit seine gähnende Einsamkeit gesteht. Der Siebenschläfer - Kurt Cobain im Heroinrausch.

foto: DT

Fünf Uhr! Und man kommt zu nichts! Nichts!

Das Bühnenbild - kaum existent, schwarz, im Hintergrund die Band - zeigt den Kaninchenbau ohne Wunderland darin - ein schwarzes Loch.
Alice selbst verweist mit ihren roten Schuhen auf das Wunderland eines anderen Mädchens - Dorothy Gale. Allerdings ist Oz weniger einsam und düster als Schimmelpfennigs Wunderland; die Figuren weniger verzweifelt.

Iss mich, trink mich.
Mach mit mir, was du willst.
Mal seh'n, was draus wird.

Die Interpretation des Stücks als Alice' Pubertät wir dem aufmerksamen Zuschauer geradezu ins Gesicht geschmiert: Humpty Dumpty liegt viel daran, Alice unter den Rock zu schauen und sie seine zwischen den Beinen hängende Krawatte - der Phallos schlechthin - berühren zu lassen; des Märzhasen Hand fährt Alice zwischen die Beine, während er von einem gemeinsamen Treffpunkt redet. Neben solchen sexuellen Anspielungen - die angesichts Alice' Erklärung, siebeneinhalb Jahre alt zu sein, etwas merkwürdig anmuten - säuft sie die halbe Whiskeyflasche - von der verdrogten Katze in die Hand gedrückt - und begießt sich am Ende aus einer vermeintlichen Teetasse mit Blut, woraufhin sie verschämt beginnt, es hastig von ihren Beinen und vom Fußboden zu wischen.

Nimm dir doch noch etwas Wein.
- Ich seh' hier aber keinen Wein.
Ist auch keiner da!

Dieses Wunderland ist eine seltsame Welt voller unterdrückter Triebe und daraus entstandener Neurosen. Im Gegensatz zu Dorothys Verlangen, nach Kansas zurückzukehren, lässt sich Alice' Heimkehr gut nachvollziehen. Allerdings ist die Heimkehr unmöglich. Abends im Bett wird Alice von der Teegesellschaft heimgesucht, die ihr eine Serenade singt. Da es kein Hinein gab, gibt es auch kein Hinaus. Es gibt nur Wünsche, keine Befriedigung. Es gibt keinen Wein und keinen Tee. Es gibt nur eine Lösung, vorgetragen von Humpty Dumpty - eo ipso dem Untergang geweiht:

Lass uns einfach so tun, als ob jeden Tag Weihnachten wär'.

Die nächsten Termine sind: 25.2. 20h, 21.3. 19h, 29.3. 20h

alle Zitate außer den ersten beiden sind aus dem Stück