Posts mit dem Label forum werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label forum werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

30. Juni 2009

Vier Jahrzehnte Forum - und was daraus geworden ist

Ab morgen wird im Arsenal eine Art vorgezogene Jubiläumsveranstaltung für das Internationale Forum des jungen Films präsentiert. 40 Jahre alt wird das Forum, ursprünglich war es angetreten, eine politisch wie künstlerisch radikale Alternative zur großen Berlinale zu bieten. Das Programm im Arsenal mit dem Titel "Dialog mit Filmen - vier Jahrzehnte Forum" zeigt, wie weit sich die neue Generation der Forumsprogrammierer von diesen Ursprüngen entfernt hat. Die Differenz zur kosslickschen Eventkultur ist keine allzu große mehr, sie scheint inzwischen eher eine des bloßen Geschmacks als eine in der Sache zu sein.
Das Forum hat, insbesondere in den beiden ersten Jahrzehnten seiner Existenz, Filmgeschichte nicht nur dokumentiert und sichtbar gemacht, sondern durch seine Programmpolitik auch selbst geschrieben. Ende des letzten Jahres stieß ich anlässlich meiner Mitarbeit an einer Filmreihe im Zeughauskinos wiederholt auf das Filmarchiv der Freunde der deutschen Kinemathek, welches einen großen Teil aller im Forum aufgeführten Filme sammelt. Eine große Zahl von Raritäten aus den avancierten Kinematografien insbesondere Lateinamerikas und Asiens lagert in diesem Archiv, vergessene Meisterwerke des politischen Kinos wie des radikalen Autorenfilms.
Anstatt aber nun auch nur irgendwas aus diesem großartigen Archiv - und somit aus der eigenen Geschichte - zu machen, ist das Konzept der Jubiläumsveranstaltung folgendes: Einige mehr oder weniger lose mit dem Forum verbundener Regisseure kuratieren eine kleine Filmreihe aus Filmen, die in ihrer Mehrzahl im Forum uraufgeführt wurden. Die Regisseure werden dafür nach Berlin eingefogen (soweit sie, wie beispielsweise Angela Schanelec, nicht hier wohnen), zusätzlich kommen noch einige Regisseure der ausgewählten Filme.
Manchen mag es unsinnig vorkommen, sich darüber zu ärgern, wenn jemand Jia Zhang-ke nach Berlin holt (der kommt und er hat Nuri Bilge Ceylans schönen Debütfilm Kasaba ausgewählt). Und natürlich gehört zum speziellen Reiz jedes Filmfestivals der direkte Kontakt zu den Filmschaffenden. Aber rechtfertigt dies wirklich, für eine Vorführung von George Washington (auch das ein schöner Film, darum geht es nicht, sicherlich gehört er aber auch nicht zu den allerrelevantesten Filmen, die das Forum jemals im Programm gehabt hat) sowohl den Thailänder Adithya Assarat als auch den Regisseur des Films, David Gordon Green, einzufliegen? Letzterer dreht inzwischen Kifferfilme in Hollywood (auch die gefallen mir...) und ersterer hat bisher einen einzigen Wong-Kar-Wai-Verschnitt namens Wonderful Town abgeliefert (der Film hat mir wiederum ganz und gar nicht gefallen).
Entscheidend ist, dass "vier Jahrzehnte Forum" an sich zwar eine schön programmierte Filmreihe sein mag; Hou Hsiao-hsiens Dust in the Wind zumindest ist ein Meisterwerk, Souleymane Cisses Baara hat sicherlich jede Form von Aufmerksamkeit verdient. (wobei andererseits: warum Claire Denis' ja nun wirklich nicht gerade unsichtbarer Beau Travail? Der lief soweit ich weiß nicht einmal im Forum, Premiere hatte er zumindest in Vendedig... Und warum Kaurismäki? Und warum, wenn schon Kaurismäki, dann auch noch ausgerechnet den ebenfalls reichlich sichtbaren The Match Factory Girl?) Dem Anlass aber, den die Reihe schon im Titel trägt, wird das Ganze hinten und vorne nicht gerecht.
Wiederum einwende mag man hier, dass das Budget für die Filmreihe mit Sicherheit extrem begrenzt war. Aber Budgets sind immer begrenzt. Und hier scheinen mir einfach die Prioritäten nicht so recht zu stimmen. Wieviel mag alleine für die Aufführung von George Washington (inklusive Flugtickets für die Gäste) draufgegangen sein? Und die gerade mal eine Diskussionsveranstaltung, die das real existierende Programm vorsieht, rechtfertigt den Aufwand nun auch nicht wirklich. Ich wage zu behaupten, dass es bei anderer Prioritätenlage durchaus möglich gewesen wäre, das Arsenal einen ganzen oder wenigstens einen halben Monat lang mit echten Glanzstücken und Wiederentdeckungen aus den vier Jahrzehnten Forum zu bespielen (dem Arsenalprogramm würde so eine Reihe, erst recht, wenn sie eine klare filmhistorische Fokussierung aufgewiesen hätte, beileibe gut tun). Und / oder man hätte vielleicht sogar den einen oder anderen Film aus dem Archiv restaurieren lassen können. Denn auch das habe ich Ende letzten Jahres erfahren: Ein großer Teil dieser zumindest deutschlandweit einmaligen Filmsammlung befindet sich in einem alles anderem als gutem Zustand.
Auch dieser alles andere als gute Zustand hat zweifellos finanzielle Ursachen. Aber wenn das Forum nicht einmal anlässlich des eigenen Jubiläums Geschichtsbewusststein kommuniziert, wird sich auch so schnell niemand finden, der helfen könnte, diese missliche Lage zu beheben.