Wenn es hier, nicht lange nach dem
Offenbarungseid des internationalen Forums des jungen Films, schon wieder um die Freunde der deutschen Kinemathek geht, so nicht aufgrund einer persönlichen Abneigung. Im Gegenteil aus enttäuschter Liebe. Ich habe sowohl dem Arsenal (das trotz allem noch das wichtigste Kino der Stadt ist) als auch dem Forum (das trotz allem die einzige relevante Sektion der Berlinale ist) viele wundervolle Kinoerlebnisse und einen guten Teil meiner Filmbildung zu verdanken. Leider jedoch nutzen beide Institutionen sowohl ihre eigene Geschichte als auch ihr sonstiges Potential immer weniger. Neuestes Opfer, ein Jahr nach dem nun offiziell in jeder Hinsicht verheerenden "Relaunch" des Arsenals: die "Magical History Tour". Über lange Jahre hinweg schlug sich diese Tag für Tag, Woche für Woche, Monat für Monat durch jenes audiovisuelle Dickicht, das erst im Akt des Sich-Hindurchschlagens zu einer begrifflich auch nur halbwegs fassbaren Filmgeschichte werden kann. Ab Oktober wird es die
Magical History Tour nur noch dem Namen nach geben. Ich zitiere aus einer aktuellen Pressemitteilung:
Wir verabschieden uns allerdings vom kaum mehr wahrnehmbaren Überangebot von 365 verschiedenen Filmen pro Jahr, der chronologischen Anordnung der präsentierten Werke und dem Versuch, wichtige Strömungen und Epochen der Filmgeschichte im Kontext und Überblick anhand einzelner Beispiele abzubilden. Ab jetzt werden wir jeden Monat acht bis zehn ausgewählte Beispiele der Filmgeschichte um ein bestimmtes Thema gruppieren. Dies gibt uns die Möglichkeit, Filme unterschiedlicher Regionen, Stilrichtungen, Genres und, Epochen – von der Anfangszeit des Films bis ins 21. Jahrhundert – in einem Monat miteinander in Beziehung zu setzen. Das erste Thema der neuen Magical History Tour lautet „Farbe im Film“, in den nächsten Monaten widmen wir uns Themen wie „Montage“, „Manifeste“, „Ton“, „Körper“, „Kollektive“, „Abbildung und Wirklichkeit“, „das Politische“ und „Exzess & Minimalismus“.
Der erste Satz des Zitats kann nicht anders gelesen werden als: "Wir verabschieden uns von der Filmgeschichte".
Die Magical History Tour war reformbedürftig, keine Frage. Das Verständnis von Filmgeschichte, das ihr zugrunde lag und das auf einer chronologischen Aneinanderreihung distinkter, nach Regionen geordneter Meisterwerke von Meisterregisseuren beruhte, darf gerne als anachronistisch bezeichnet werden - andererseits stehen so viele alternative Ordnungssyteme eben doch nicht zur Verfügung. Vor allem, das wiegt schwerer, war es immer wieder schwer zu ertragen, diese Meisterwerke im kleinen Kino 2 versenkt sehen zu müssen, während nebenan im großen Saal die neueste Event-Sau durchs Dorf getrieben wird. Auch die Schwerpunktsetzungen, teils finanziell, teils vielleicht auch ideologisch bedingt, waren hinterfragbar. Monatelang sowjetische stumm- und frühe Tonfilme, dafür übers Jahr verteilt kaum ein Dutzend asiatische Filme: da stimmten die Verhältnismäßigkeiten ganz grundlegend nicht. Aber solche Probleme sind erstens unvermeidbar und zweitens in Ansätzen behebbar. In der Tat gelang es der Magical History Tour in diesem Jahr trotz des insgesamt bereits etwas zurückgefahrenen Umfangs, sowohl zum chinesischen wie auch zum japanischen Kino verhältnismäßig umfangreiche Programme zu entwerfen. Insbesondere das derzeit laufende chinesische Programm, das nun leider ein Abschiedsgeschenk sein wird, zeigt, in welche Richtung es hätte gehen können und sollen: Einerseits vermehrt in Richtung Gegenwart, andererseits in Richtung des hauseigenen Archivs, dessen eindrucksvolle und in vieler Hinsicht einmalige Sammlung nach wie vor im Tagesbetrieb kaum - und nach der neuen Konzeption der Reihe zu schließen: in Zukunft noch viel weniger - genutzt, beworben etc wird.
Trotz kleiner Unstimmigkeiten war die Magical History Tour doch ein ehrgeiziger, in Berlin mit nichts vergleichbarer und durch nichts zu ersetzender Versuch, Filmgeschichte dort darzustellen, wo sie zwingend ihren Ort hat: im Kino. Das neue Konzept verabschiedet sich von dieser Ambition. Man mag die Kategorien "Nationalkinematografie", "Autor" und vielleicht sogar "Epoche", nach der die Filme bislang geordnet waren, für unzureichend halten, sie sind aber doch allemal besser (und zwar nicht quantitativ, sondern qualitativ besser) als die jetzt eingeführte Kategorie: "9 Filme, die den Arsenal-Programmverantwortlichen zum Thema
Farbe eingefallen sind". Es kann nicht - zumindest nicht zuerst - darum gehen, diese konkrete Auswahl (bei der "Farbe" sind das u.a. Renoirs
The River, Fassbinders
Lola und Jarmans
Blue) zu kritisieren, obwohl schon auf dieser Ebene klar wird, dass echte Entdeckungen künftig allenfalls noch in den Vorfilmen vor den durchweg auf die eine oder andere Art kanonisierten Langfilmen gemacht werden können.
Entscheidender ist, dass solch eine Zusammenstellung nach abstrakten Themenkategorien allenfalls in Bezug auf die jeweils getroffene Auswahl Sinn ergeben kann, nie im Leben jedoch in Bezug auf alle anderen Filme, alle, die in der Auswahl nicht enthalten sind. Und diese anderen Filme sind eben das, worum es der Magical History Tour dem eigenen Verständnis nach gehen sollte: die Filmgeschichte. Wer auf diese Filmgeschichte neugierig ist, der hat im Arsenal leider immer weniger zu suchen.