(Gastbeitrag von Maximilian Linz zu Marguerite Duras' Le camion, der am 13.03. um 19:30 noch einmal im Kino Arsenal zu sehen ist)
In „Le Camion“ bespricht die Autorin Marguerite Duras mit dem Schauspieler Gérard Depardieu ein Drehbuch. Meist ist sie es, die liest, dann antwortet er, stellt knappe Fragen, auf die noch kürzere Antworten folgen, bis feststeht, dass sie sich verstanden haben.
Zwischen den Gesprächssequenzen fährt ein blauer Lastwagen über Land.
Der LKW steht im Zentrum des Films, in ihm ist das Kino: mit der blauen Plane, die sich durch die Landschaften schiebt wie eine mobile Leinwand, oder zeitgenössisch, ein Blue Screen, auf den die Ideen des Drehbuchs projiziert werden; durch die Windschutzscheibe, durch die man mit fixiertem Körper frei und geschützt in eine sich bewegende Welt schaut.
Das Buch, das die beiden vor sich haben, handelt von diesem Lastwagen, seinem Fahrer, den Depardieu spielen soll, und einer Auto-Stoppeuse, die der Psychatrie entlaufen ist, vom Ende des Marxismus und des Klassenkampfes, von zwei Filmfiguren und zwei Figuren des Films, Duras und Depardieu selbst. Über den Textseiten verflüssigen sich die Grenzen dessen, woran gearbeitet wird, wer über wen spricht, ein Film im Film scheint zu entstehen, das Ganze öffnet sich auf etwas, das selbst nicht in ihm ist, eine Möglichkeit, eine Utopie. Diese Möglichkeit meint nicht lediglich das Drehbuch, dessen ideale Existenzform seine Verfilmung ist, sondern ein über jeden potentiellen Film hinausweisendes utopisches Gut, das der photographischen Brechung an der Wirklichkeit, der erzählerischen Zwangsläufigkeit von Anfang Mitte und Ende, entgeht. Der LKW ist der Transporteur dieser utopischen Fracht eines sich niemals realisierenden Films, der Container einer nicht mehr möglich scheinenden Gesellschaft, der sie aufhebt und mitnimmt, wohin auch immer.
Maximilian Linz
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5. März 2009
1. März 2009
Gerard Depardieu im Kino Arsenal
Bereits heute startet eine recht ambitionierte Filmschau zu Gerard Depardieu im Kino Arsenal. Das Programm enthält Filme aus allen Schaffensperioden des Franzosen und konzentriert sich auf seine Arbeiten für eine Reihe von autuers der erweiterten Nouvelle vague und ihrer Nachfolger.
Gesehen habe ich drei Filme aus dem Programm. Bertrand Bliers Les valseuses ist ein sehr interessanter, aber nicht ganz einfacher Film. Vorgeworfen wird ihm, wie Blier insgesamt, eine misogyne Schlagseite, die man denn auch nicht ganz bestreiten kann. Freilich sollte man das glaube ich nicht so sehen, dass der Film an sich misogyn ist, sondern eher so, dass es da in dem Film eine Misogynie gibt, zu der man sich irgendwie verhalten muss, auch deshalb, weil der Film selbst sich ungenügend zu ihr verhält. In letzter Instanz ist wahrscheinlich gerade dieses ungenügende Verhältnis des Films zu dem von ihm installierten reinen maskulinen Blick das interessanteste an Les valseuses, andere Elemente, gerade die Attacken aufs Spießertum, sind nicht besonders gut gealtert.
Hier wird Isabelle Huppert entjungfert:
Bliers zweiter Film im Programm, Buffet froid, habe ich vor längerer Zeit einmal gesehen, es handelt sich, wenn ich mich richtig erinnere, um eine Krimigroteske, die eher zu vernachlässigen ist.
Marguerite Duras' Le camion schließlich ist ein recht berüchtigtes Ding, in dem Depardieu mit einer Frau im Lastwagen tendenziell schon ziemlich prätentiöse Dialoge führt. Anstrengend und vielleicht doch eher im schlechten Sinne modernistisch. Andererseits: Le camion ist eine echte Rarität und John Waters ist ein großer Fan, zumindest wenn ich das hier richtig verstanden habe:
"John Waters called "Le Camion" an example of truly experimental cinema because it is the absolute antithesis of anything remotely commercial. Released the same year as "Saturday Night Fever," it would be a sign of insanity to consider pairing "Le Camion" with it on a double-bill. Duras' film consists of endless shots of a blue truck driving through industrial sectors of the French suburbs, edited with the jaded-looking, chain-smoking director commenting on a script (that is never actually shot) to actor Gerard Depardieu. There is plenty of time to contemplate Duras' bracelets, wristwatch and her home decor, as well as what you might do once you're finally let out of the theater. An interior shot of the truck's upholstered bucket seats actually stuns the audience as if it were a moment of high-intensity drama. Eighty minutes long, the film actually seems much longer; in fact, it seems to take days. Oddly, it held me in a trance-like state for its duration. For his part, Depardieu -- constantly upstaged by the passive-aggressive Ms Duras -- looks bemused and feeds his co-star a lot of questions, which she answers with dismissive grandiosity, all of which is aimless. She talks about the script -- a story of a male truck-driver and an older, female hitchhiker, and their conversations, which are political, humanitarian, philosophical and all complete twaddle -- as if she has all the time in the world, and so do you. There may be something existential intended or it may, as I suspect, all be drivel. In any event, there is no question MD succeeds in strangling the life out of the cinema -- very slowly. Not to be missed, and unlikely you will want to see it twice."
Ansonsten: Truffaut, Pialat, Resnais, Techine...
Gesehen habe ich drei Filme aus dem Programm. Bertrand Bliers Les valseuses ist ein sehr interessanter, aber nicht ganz einfacher Film. Vorgeworfen wird ihm, wie Blier insgesamt, eine misogyne Schlagseite, die man denn auch nicht ganz bestreiten kann. Freilich sollte man das glaube ich nicht so sehen, dass der Film an sich misogyn ist, sondern eher so, dass es da in dem Film eine Misogynie gibt, zu der man sich irgendwie verhalten muss, auch deshalb, weil der Film selbst sich ungenügend zu ihr verhält. In letzter Instanz ist wahrscheinlich gerade dieses ungenügende Verhältnis des Films zu dem von ihm installierten reinen maskulinen Blick das interessanteste an Les valseuses, andere Elemente, gerade die Attacken aufs Spießertum, sind nicht besonders gut gealtert.
Hier wird Isabelle Huppert entjungfert:
Bliers zweiter Film im Programm, Buffet froid, habe ich vor längerer Zeit einmal gesehen, es handelt sich, wenn ich mich richtig erinnere, um eine Krimigroteske, die eher zu vernachlässigen ist.
Marguerite Duras' Le camion schließlich ist ein recht berüchtigtes Ding, in dem Depardieu mit einer Frau im Lastwagen tendenziell schon ziemlich prätentiöse Dialoge führt. Anstrengend und vielleicht doch eher im schlechten Sinne modernistisch. Andererseits: Le camion ist eine echte Rarität und John Waters ist ein großer Fan, zumindest wenn ich das hier richtig verstanden habe:
"John Waters called "Le Camion" an example of truly experimental cinema because it is the absolute antithesis of anything remotely commercial. Released the same year as "Saturday Night Fever," it would be a sign of insanity to consider pairing "Le Camion" with it on a double-bill. Duras' film consists of endless shots of a blue truck driving through industrial sectors of the French suburbs, edited with the jaded-looking, chain-smoking director commenting on a script (that is never actually shot) to actor Gerard Depardieu. There is plenty of time to contemplate Duras' bracelets, wristwatch and her home decor, as well as what you might do once you're finally let out of the theater. An interior shot of the truck's upholstered bucket seats actually stuns the audience as if it were a moment of high-intensity drama. Eighty minutes long, the film actually seems much longer; in fact, it seems to take days. Oddly, it held me in a trance-like state for its duration. For his part, Depardieu -- constantly upstaged by the passive-aggressive Ms Duras -- looks bemused and feeds his co-star a lot of questions, which she answers with dismissive grandiosity, all of which is aimless. She talks about the script -- a story of a male truck-driver and an older, female hitchhiker, and their conversations, which are political, humanitarian, philosophical and all complete twaddle -- as if she has all the time in the world, and so do you. There may be something existential intended or it may, as I suspect, all be drivel. In any event, there is no question MD succeeds in strangling the life out of the cinema -- very slowly. Not to be missed, and unlikely you will want to see it twice."
Ansonsten: Truffaut, Pialat, Resnais, Techine...
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