22. Mai 2009
Tipp - letztmalig "Der Geisterseher"
4. April 2009
Ich bin mein Himmel und meine Hölle
Die Räuber - Friedrich Schiller
Schaubühne
Regie: Lars Eidinger
Ausstattung: Christoph Rufer
Kostüme: Esther und Lena Krapiwnikow
Akkordeon: Jan Jachmann
Dramaturgie: Irina Szodruch
Licht: Boris Kahnert
mit: Grégoire Gros, Toni Jessen, Urs Jucker, Birte Schnöink, Claudius von Stolzmann, Tilman Strauß, Felix Tittel, Sebastian Zimmler
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Das Sturm und Drang-Meisterwerk, das seinem 22-jährigen Verfasser unter anderem einen Kurzaufenthalt im Gefängnis verschaffte, begeisterte bei seiner Uraufführung 1782 vor allem jugendliches Publikum und empörte die Sittenwächter. Studierende der Schauspielschule "Ernst Busch" (3. Studienjahr) experimentieren an Schillers erstem Drama und zeigen viele interessante Ideen.
Ein abgesenkter, wie eine Gummizelle ausgepolsterer Teil der kleinen Bühne stellt das Schloss der Familie Moor dar, wo der fette alte Vater (Urs Jucker im Fatsuit) in einer Couch vor dem obligatorischen Fernsehgerät und einer Videospielconsole vor sich hinsiecht. Eine Biertischgarnitur repräsentiert die Schenke, in der sich die Räuberbande formiert und ein expressionistisch anmutender Holzbaum in der Ecke ist natürlich der Böhmische Wald. Fast absurd simpel, aber gut.
Die beiden Szenen des Exposé werden in dieser Inszenierung parallel gespielt, so dass Franz (Sebastian Zimmler) seinem Bruder (Tilman Strauß), der nebenan (in der "Schenke an den Grenzen von Sachsen") steht, direkt in die Augen sehen kann, während er dem gemeinsamen Vater über dessen erfundene Schandtaten erzählt. Quasi in einer Parallelmontage scheinen die Zeilen der beiden Parteien hier aufeinander zu reagieren. Die Räuber bringen mit einem wie auf Knopfdruck einsetzenden Gegröhle eine authentische Kneipenatmosphäre auf die Bühne, die jedesmal genauso überraschend abrupt wieder abbricht, wie sie eingesetzt hat.
Ich habe keinen Vater mehr, ich habe keine Liebe mehr, und Blut und Tod soll mich vergessen lehren, dass mir jemals etwas teuer war!
In einem überstürzten Akt der Entrüstung über die durch seinen Bruder eingefädelte Verbannung Karls aus dem väterlichen Hause gründet der gute Bruder eine Räubergang. Die studentische Kneipengesellschaft verwandelt sich damit in eine Collage jugendlicher Subkulturen und potentieller -banden und ihr Anführer in den verhinderten Schläger und Vergewaltiger schlechthin - Alex aus Stanley Kubricks Clockworck Orange (1971).
Ich soll meinen Leib pressen in eine Schnürbrust und meinen Willen schnüren in Gesetze. Das Gesetz hat zum Schneckengang verdorben, was Adlerflug geworden wäre.
Foto: SchaubühneAngelehnt an den Film, der sich als DVD sogar materiell auf der Bühne befindet, stürmen sie zum Soundtrack die Bühne und präsentieren sich in der Korova Milk Bar-Pose, als das Licht wieder angeht.
Während der böse Bruder, ein verwöhntes, reiches Söhnchen, sich die Zähne an Karls Verlobter ausbeißt, setzt dieser halbe Städte in Brand und schlägt Pfarrer zusammen. Dies geschieht in tänzelnder Clockwork Orange-Manier, wobei er und seine Jungs Queens Bohemian Rhapsody singen. Die anschließende Kampfszene mit den Ordnungskräften ist ein wilder Pogo. Aggressionsabbau heute.
Ihr schämt euch nicht, vor Kreuz und Altären zu knien, zerfleischt eure Rücken mit Riemen und foltert euer Fleisch mit Fasten, ihr wähnt, mit diesen erbärmlichen Gaukeleien demjenigen einen blauen Dunst vorzumachen, den ihr Toren doch den Allwissenden nennt
Der Musical-Anstrich sorgt für die erheiternde Ironie im Drama. Obwohl mancher Gesang trotz Singstar-Karaoke etwas schwächlich ist, tragen die Discokugel und einige die Figuren umstimmenden Kampf- oder Schmachtlieder zumindest zu einem Schmunzeln bei. Spätestens wenn Franz von Moor sich zu Michael Jacksons Bad triumphierend auszieht und den Fatsuit seines Vaters - das Insignium von Macht und Geld - überstülpt, scheinen die Musikeinlagen recht angenehm.
Das Spiel ist zum Teil etwas holprig, aber dennoch sehenswert. Der Schwerpunkt der Inszenierung liegt auf den beiden Brüdern und beide sind sie überzeugend und menschlich. Karl ist stellenweise etwas zu enthusiastisch, jedoch leidet darunter lediglich der Text, dessen Passagen ab und zu in der Unverständlichkeit des Schreis verschwinden. Im Gegensatz zu Anthony Burgess' Alex (Romanvorlage Clockwork Orange) verbietet es Karl seine moralische Überzeugung und keine gewaltsame Anti-Gewalt-Therapie das Dasein als Räuber und genau wie Alex kann auch Karl nichts anderes sein, als das.
Blut muss ich saufen, es wird vorübergehen.
Seine Heldentat zum Schluss wird Karl nicht gewährt: bevor er sich selbst der Justiz übergeben kann, erschießt ihn einer der beiden Überlebenden der Räuberbande. Auch in dieser Inszenierung keine Versöhnung. Keine Buße, keine Erlösung. Kaum Überlebende.
Die nächsten Termine sind: 05., 10. und 11.4.
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Die Räuber im Volltext auf Projekt Gutenberg
Die Räuber in der Schaubühne
A Clockwork Orange in der IMDb
alle Zitate aus: Friedrich Schiller: Die Räuber
4. März 2009
Wünschen sie sich Glück
Der Geisterseher - Friedrich Schiller
Maxim Gorki Theater Berlin (Studio)
Regie: Antú Romero Nunes
Dramaturgie: Nina Rühmeier
Ausstattung: Julia Plickat
mit: Paul Schröder und Jirka Zett
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Treten Sie näher, meine sehr verehrten Damen und Herren!
Denn hier gibt es endlich wirklich was zu sehen! Zwei junge Schauspieler zeigen Friedrich Schillers im Geiste der Romantik stehende Erzählung von 1787/88, die an das Leben des Alessandro Graf von Cagliostro angelehnt ist.
Sie erzählen die Geschichte gemeinsam ... nein, sie spielen sie ... nein, sie improvisieren sie und erfinden sie vor dem Publikum. Vielleicht spielen sie auch überhaupt nicht, vielleicht ist es echt. Streiten sie sich tatsächlich? Sagen sie sich wirklich gegenseitig ihren Text vor? Und was, wenn es doch eine echte Pistole ist?
Die Erzählung handelt von einem junger Mann, der das Leben genießt mit allem, was dazugehört: Reisen, Lounge, Sushi, Design. Als dritter Prinz hat er keine Hoffnung auf den Thron, also verprasst er das Geld der königlichen Kasse im Müßiggang.
Mitten in einem geräuschvollen Gewühl von Menschen ging er einsam
Während des Carnevals in Venedig gerät das Ganze ein wenig aus den Zügen. Inmitten von Masken, Spiel und Musik bricht eine mysteriöse Welt voller Geheimnisse, Zauberei und ein wenig Paranoia über den jungen Mann herein.
Der Prinz, der vorher "nur mit dem Herzen" sah, entdeckt andere Sinnesorgane und -gelüste. Nun ist er dauerbetrunken, Gewalt und Drogen füllen die Lücke, die Melancholie hinterlassen hat. Bis er erkennen muss, dass auch dieses Leben nicht seins ist und in einer Kirche einer Frau begegnet, die er vorher auf einem Bild gesehen hat...
Jedes einzelne Wort ist gelogen! Es ist alles einstudiert!
Entsprechend ist die Inszenierung auf einer Probebühne zu sehen, auf die man vorher durch Maske und Garderobe geführt wird. Licht und Ton gibt es nur auf Zuruf oder Handzeichen - Räume, die das Publikum eigentlich nicht zu sehen bekommt, Dinge, die zeigen, dass Theater doch eben nur Theater ist. Und gerade deswegen ist diese Inszenierung viel mehr als das: Ein Stück über Leidenschaft und Gewalt, Drogen und Dekadenz, Romantik und Aufklärung, Herrschaft und Knechtschaft und den Unterschied zwischen Religion und Glauben. Indem das Theater seine eigene Künstlichkeit thematisiert, stellt es diese in Frage, die Grenze zwischen Text, Improvisation und realen Personen schwindet. Es ist kein Trick, die Illusion wird aufgelöst, diesen Geist haben wir schon gesehen. Indem das Theater seine Grenzen überschreitet, gewinnt es den Zuschauer und ist ihm näher als es innerhalb der Grenzen je sein konnte. Im Geiste der Postmoderne erstrecken sich die an den mitdenkenden Menschen gerichteten Anspielungen von Disneyfilmen zum Leben in Berliner Hip-Bezirken.
Die beiden Schauspieler geben ihr Bestes und lassen den Zuschauer nicht nur lachen und weinen, sondern auch denken. Auf der kleinen schwarzen Bühne errichten sie alle erdenklichen Räume, zu zweit sind sie ein Jahrmarkt, eine Zaubershow, Freunde und Feinde und vor allem außerordentliche Darsteller.
Locker und souverän wird hier die über 200 Jahre alte Erzählung aktueller denn je präsentiert: Man glaubt, einen Bekannten in jeder Figur zu erkennen, denn es ist immer der Andere, den man im Drama sieht. Die Sprache der Inszenierung ist unsere eigene, Schillers umständliche Worte sind aber nicht zwanghaft in heutige Umgangssprache gepresst. Und eh man sich versieht, erstehen die Geister vor den Augen der Zuschauer.
Eine wunderbare Inszenierung nach allen Regeln der Kunst, aber frisch und anders zugleicht!
Dem Leser, der Geister hier zu sehen gehofft hat, versichre ich, daß noch welche kommen; aber er sieht selbst, daß sie bei einem so ungläubigen Menschen, als der Prinz dermalen noch ist, gar nicht angewandt sein würden.Zitat Schiller
nächster Termin: 18.4. und 13.5. 20.15h und 2.6. 19.30h.